Bedeutet Berufserfahrung gleich mehr Kompetenz?

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Erfahrung kommt mit der Zeit. Aber wächst damit auch die Kompetenz?

Unter den alt-eingesessenen Kollegen zähle ich noch als „Frischling“. Wenn die Richter oder Richterinnen den Namen des Anwalts noch nicht kennen und man dann als junge Frau in den Saal tritt, erntet man oft ein Schmunzeln oder wird nicht wirklich Ernst genommen, vor allem von der Gegenseite. Doch sind Kollegen mit mehrjähriger Berufserfahrung, Fachanwaltstiteln und ähnlichem wirklich kompetenter?

Ich hatte letztens eine klassische Räumungsklage durchzusetzen. Nachdem das Versäumnisurteil erging,  gab es mit den zuständigen Behörden die Absprache, die Räumung vorerst nicht zu vollstrecken bis die betroffene Person einen Platz im betreuten Wohnen erhält. Die Beteiligten waren sich einig, dass man keine unnötigen Prozesskosten verursacht und eine Räumung friedlich ablaufen wird.

Ein berufserfahrener Kollege jedoch war der Meinung, er müsse sich ganz besonders für die Rechte seines Mandaten einsetzen. Einen Tag vor der Gerichtsverhandlung rief mich der Anwalt der Gegenseite an und drohte regelrecht, dass ich nicht gewinnen werden und meine Klage keine Aussicht auf Erfolg habe.

In der Verhandlung behauptet er unter anderem, sein Mandant, der Beklagte, sei geschäftsunfähig und prozessunfähig. Interessant, wenn man bedenkt, dass der Mandant unter dieser Prämisse keine wirksamen Verträge schließen kann. Aber das Mandatsverhältnis konnte er wirksam abschließen?! Auf Nachfrage des Gerichts konnte der Prozessbevollmächtigte nicht wirklich darlegen, wie das Mandat zustande kam. Als das Gericht dann die Geschäftsunfähigkeit feststellen wollte, stellte sich heraus, dass der Beklagte eine Geschäftsunfähigkeit strickt ablehnt und einen sehr fitten Eindruck macht. Das einzige, was der Beklagte nicht wollte, war weiter mit der Sache „belästigt“ zu werden. Sein Anwalt zerrte ihn jedoch in den Gerichtssaal und setzte ihn der unangenehmen Situation aus.  Auch die übrigen Einwendungen des gegnerischen Anwalts waren so abwegig, dass es schon an Fremdschäden angrenzte. Die Verhandlung nahm ihren Lauf und der Kollege schien letztlich völlig planlos. Es handelte sich um eine recht einfach strukturierte Räumungsklage für die man kein Fachanwalt sein muss. Ich habe letztlich meinen Vollstreckungstitel erhalten und die ursprüngliche Abmachung konnte wieder aufleben.

Welche Erfahrung habe ich mit diesem Fall gemacht? – Manchmal verursacht Jahrzehnte an Berufserfahrung auch eine gewisse Berufsblindheit. Berufserfahrung hat also nichts mit Kompetenz zu tun.

 

Bildnachweis: Fotolia 86861641

Bild Anspitzer recht-deutlich.org

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