„In Bayern sind Straftaten verboten“

… antwortete mal ein bayrischer Kollege mit trockenem Humor auf die Frage, warum es in Bayern für vergleichbare Straftaten meistens „mehr“ gibt als anderswo.

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Dieser bestechenden Logik kann man sich kaum entziehen, wenn man mal erlebt hat, wie persönlich es ein bayrischer Staatsanwalt nimmt, wenn jemand die Mitarbeiter eines lokalen Inkassounternehmens in insgesamt vier Emails mit einigen uncharmanten Bezeichnungen („Lasst mich in Ruhe ihr W***r!!!“) bedenkt, die ohne Zweifel unter § 185 StGB fallen, hierzulande aber höchstens die Frage aufgeworfen hätten, nach welcher Vorschrift man das Verfahren denn nun einstellen soll.

Nicht so in Bayern: Strafbefehl, 100 Tagessätze.

Dagegen Einspruch einzulegen und in die Hauptverhandlung zu gehen hat sich allerdings gelohnt. Am Ende standen nur noch 50 Tagessätze; auch die Tagessatzhöhe wurde deutlich herabgesetzt. Vor allem, weil es uns gelungen ist zu zeigen, dass die Taten einfach nur Kurzschlusshandlungen eines jungen Erwachsenen aus schwierigsten sozialen Verhältnissen mit unzureichenden Konfliktlösekompetenzen aber dafür übergroßer Klappe waren, der sich im Nachhinein für das Ganze ziemlich schämt, sich mehrfach dafür entschuldigt hat und sich außerdem selbständig um Hilfe bemüht hat, um sein Verhalten in den Griff zu bekommen.

An diesem Beispiel zeigt sich mal wieder sehr schön, dass die klassische Party-Frage an Strafverteidiger und alle, die es mal werden wollen, – „Würdest du auch jemanden verteidigen, wenn du genau wüsstest, dass er es war?“ – mit der tatsächlichen Tätigkeit eines Strafverteidigers nur sehr wenig zu tun hat (abgesehen davon, dass die Antwort ohnehin nur ja sein kann).

In vielen Fällen lässt sich gar nicht – oder jedenfalls nicht glaubhaft – abstreiten, dass die Tat als solche begangen wurde. Was bleibt, ist – und das Wörtchen „nur“ ist hier fehl am Platz – die gar nicht triviale Frage, wie der- oder diejenige „tat- und schuldangemessen“ zu bestrafen ist.

Die meisten Straftatbestände erlauben es dem Gericht nämlich, die konkrete Strafe aus einem recht weiten Strafrahmen zu schöpfen, beispielsweise „Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe“. Von fast nichts bis paar Jahre weg vom Fenster ist also vieles möglich. Was konkret zu erwarten ist, hängt unter anderem von den Vorstrafen, vom Geisteszustand des Täters oder auch vom Nachtatverhalten ab. Als Verteidiger kann man häufig einiges „rausholen“, wenn man sich mit dem Mandanten und seiner Tat beschäftigt und es einem gelingt, solche positiven Strafzumessungstatsachen herauszuarbeiten.  In der Fachwelt hat sich dafür der Begriff Strafmaßverteidigung eingebürgert.

Auch wenn am Tatvorwurf an sich nichts mehr zu rütteln ist, kann es sich also durchaus lohnen, vor Gericht zu kämpfen.

Sogar in Bayern.

 

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Bild Bleistift recht-deutlich.org

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